Internationales Treffen von Fachkräften der Jugendarbeit zum Thema Rechtsruck in Europa.
Im Dezember 2025 trafen sich etwa 30 Fachkräfte aus offener Jugendarbeit, Jugendbildungsarbeit, Jugendsozialarbeit, Streetwork, Medienarbeit, Jugendpartizipation und Schulsozialarbeit aus mehreren europäischen Ländern in Kassel um über den Rechtsruck in Europa zu diskutieren.
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Chris aus Kassel, Arja aus Rovaniemi, Wiktoria aus Poznan, Nikolaos aus Thessaloniki und Denise aus Padova und weitere 25 Fachkräfte wollten Erfahrungen austauschen über den Umgang mit rechten Positionen im eigenen Umfeld, Kontakte knüpfen und Möglichkeiten ausloten zur weiteren internationalen Zusammenarbeit, als sie im Dezember 2025 zum Fachkräftetreffen des „International Youth Net – Network for Youth Mobility“ nach Kassel kamen. |
Orientierung und Unterstützung für Jugendarbeiter*innen
Extremismus, rechte Orientierungen und Rassismus in europäischen Gesellschaften nehmen zu.
Rechte Parteien in verschiedenen Ländern Europas benennen zum Teil durchaus existierende Probleme, interessieren sich aber meist wenig für deren Gründe. Stattdessen werden Zuwanderer zum Problem und nationale „(Leit-)Kultur“ zur Lösung erklärt.
Im Alltag vieler europäischer Länder erleben Menschen mit abweichender sexueller Orientierung, behinderte Menschen, Zugewanderte und Geflüchtete, Angehörige religiöser Minderheiten und Obdachlose Ausgrenzung, sind oftmals Hohn und Spott ausgesetzt oder erfahren unmittelbare physische Gewalt. Obgleich „Inklusion“ in allen EU-Ländern in vieler Leute Mund ist, werden viele „Abweichungen“ vom definierten „Normalen“ von zunehmenden Bevölkerungsteilen nicht akzeptiert.
In der alltäglichen Arbeit mit Jugendlichen sind Jugendarbeiter*innen in Jugendhäusern, im öffentlichen Raum, in der Schule, in Seminaren immer wieder mit rechten Orientierungen wie z.B. mit der Ablehnung von Zugewanderten, mit Rassismus und Nationalismus/religiösem Fanatismus oder der Ausgrenzung von Menschen mit anderer sexueller Orientierung konfrontiert.
Zwar haben die Jugendarbeiter*innen i.d.R. eine klare Haltung, sehen sich aber oftmals überfordert, adäquat auf Äußerungen rechten Gedankenguts zu reagieren und dem argumentativ sowie mit geeigneten Methoden entgegenzutreten.
Mit diesem Projekt sollten Jugendarbeiter*innen unterstützt werden, einen konstruktiven Umgang mit jungen Menschen zu finden, die sich an rassistischen, antimuslimischen, antisemitischen, nationalistischen „Erklärungen“ orientieren. Und sie sollten befähigt werden Jugendliche, die von Ausgrenzung betroffen sind, emotional wie argumentativ zu unterstützen.Sie tauschten sich über die aktuelle Situation in den beteiligten Regionen aus und beschäftigten sich mit den Gründen, die rechte Orientierungen hervorbringen und ermöglichen.
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Hohe Mieten, niedrige Löhne, steigende Lebensmittelpreise Die teilnehmenden Fachkräfte berichteten von den Sorgen und Nöten, die alte wie junge Menschen in den Ländern umtreiben. Dazu gehören Einschränkungen bei den Gesundheitssystemen, Arbeitslosigkeit, die Höhe der Lebenshaltungskosten (z.B. ständig steigende Mieten und steigende Lebensmittelpreise bei stagnierenden Löhnen) in allen beteiligten Ländern, die endlosen Anregungen von Politiker*innen zum Abbau sozialstaatlicher Hilfen, (geplante) Einschränkungen bei den Rentenzahlungen, Angst vor Jobverlust und prekäre Arbeitsverhältnisse. Auch Wohnungsknappheit bei extrem steigenden Mietpreisen in touristischen Hochburgen wurde genannt, weil die dortigen Vermieter*innen von kurzzeitig logierenden Touristen deutlich höhere Mieteinnahmen erzielen können als bei der Vermietung an die ortsansässige Bevölkerung, deren Arbeitslöhne nur für deutlich weniger teure Mieten reichen. Die finnischen Kolleginnen berichten zudem von steigender Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen und zunehmender Glorifizierung von Gewalt (- da eifern die Youngsters offenbar sehr den Staatenlenkern nach, die ja überall in Europa, im Osten wie im Westen, Gewalt zum einzig wirksamen Mittel der Auseinandersetzung erklären). Berechtigte Sorgen und nachvollziehbare Nöte, die viele Menschen glauben, dadurch lösen zu können, dass sie Parteien unterstützen, die ihnen offen versprechen die sozialen Komponenten der Gesellschaften noch viel weiter zu rasieren. |
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Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit
Der theoretische Input eines Philosophen und Journalisten zu (extrem) rechten Orientierungen und zu Erklärungsansätzen zu Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Queerfeindlichkeit, Ableismus und anderen Abwertungen von Menschengruppen ermöglichten eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Erklärungsversuchen für die Ursachen und Hintergründe von extrem rechter Orientierung.
Können sozial-psychologische Begründungen (wohlige Geborgenheit in gewalttätigen Zirkeln, Regierungsfeindlichkeit und Demokratieskepsis im familiären Umfeld, gebrochene Politiker“versprechen“, Attraktivität von Gewalt u.a.m.) die Offenheit für rechte Positionen erklären? Oder ist es nicht doch der von allen so geschätzte Patriotismus, zu dem man von Kindesbeinen an angeleitet wird, der Migranten (falscher Pass und falsche Gene), ‚Faulenzer‘, Kosmopoliten (die ihr Land nicht lieben) und moralische oder sexuelle Abweichler (LGBTQ) als – was die nationale Sache angeht – unzuverlässige Subjekte wahrnehmen lässt und damit für die Fans von AfD, Fratelli d‘Italia und wahre Finnen so unerträglich macht? Populisten lehnen den Pluralismus von Lebensstilen und Werten ab, weil sie nur ein Volk mit einem einheitlichen Willen – dem zur Nation – kennen. Ist das vielleicht die radikale Konsequenz der Erziehung zu Patriotismus und Stolz aufs Vaterland (für das neuerdings auch ehemalige grüne Außenminister bereitwillig sterben würden) durch die immer im nationalen Interesse handelnden demokratischen Parteien und Institutionen, (die sich dennoch der Kritik von rechts ausgesetzt sehen, nicht wirklich im nationalen Interesse zu handeln und nicht gut genug für „ihr“ Volk – das mit den richtigen Genen – zu sorgen)?
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Projektbesuche und „Narrative Conversation Groups“
Um sich mit ganz praktischen Möglichkeiten von Prävention und Reaktion zu befassen, besuchten die Fachkräfte das KSV-Fanprojekt, das Medien- und Fußballprojekt ‚Streetbolzer‘ und die Beratungsstelle für queere Menschen ‚T*räumchen‘. Kontakte geknüpft wurden auch mit dem Mädchenhaus und das Konzept der Freestylehalle stieß auf großes Interesse. Beim Workshop ‚Narrative Gesprächsgruppen‘, durchgeführt vom Berliner Verein Cultures Interactive, wurde vorgestellt, wie der Verein ins Gespräch mit Gruppen junger Menschen kommt und deren Alltagssorgen ebenso wie deren Haltungen und Sichtweisen ernst nimmt und ohne moralische Wertungen im Gruppengespräch, das z.B. über ein Schulhalbjahr einmal wöchentlich stattfindet, durch Fragen aufgreift, wie z.B. „was hat dich zu dieser Einstellung geführt?“ und „was ist passiert, das du das Thema xy in dieser Weise siehst?“. |
| Jugendbegegnungen, Fachkräfteaustausche, Kooperation mit Schulen – lokale und internationale Projekte für 2026 und 2027 um rechten Tendenzen entgegenzuwirken
Referate, Projektbesuche, Projektvorstellungen und Workshops regten zu Diskussionen und schließlich einer Reihe von neuen Projektideen an. Am Ende des fünftägigen Fachkräftetreffens standen die Pläne für mindestens acht neue Projekte und erste Schritte zur Umsetzung, konkrete Terminvereinbarungen, Absprachen zur Beantragung von Finanzhilfen z.B. bei Erasmus+ für mehrere Jugendbegegnungen, mehrere Job Shadowings (individuelle mehrwöchige Fachkräftebesuche bei einer Partnerorganisation um Zielsetzungen, Arbeitsalltag, Arbeitsansätze und Aktivitäten beim Blick über die Schulter als Schatten der Kolleg*innen vor Ort kennen zu lernen), einem weiteren Fachkräftetreffen und auch lokale Vorhaben in einigen der Partnerstädte und -regionen. Der Umgang mit rechten Tendenzen, mit ausgrenzenden Haltungen und Ablehnungen jeglicher Abweichungen, steht dabei immer im Zentrum der Projekte. Die Kolleg*innen aus Finnland, Italien, Polen, Griechenland und Deutschland sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen des Treffens. So planen z.B. Wiktoria und weitere Kolleg*innen aus Finnland und Deutschland drei deutsch-polnisch-finnische Jugendbegegnungen unter dem Titel „Streetculture“, Paulina arbeitet an der Umsetzung eines polnisch-italienischen Projektes zum Thema „Frauen in die Politik“, Chris wird für 14 Tage Arja im finnischen Rovaniemi in ihrem Streetworker-Alltag begleiten und anschließend kommt Arja für 14 Tage nach Kassel um die dortige Streetwork kennen zu lernen. Da natürlich auch Fachkräfte daran interessiert sind, die Stadt, in der man sich trifft kennenzulernen, zählten am Ende neben den neuen theoretischen Erkenntnissen zu den Gründen für Rechtsruck, der Erfahrung der ‚narrativen Gesprächsgruppen‘ und den Planungen verschiedener Projekte auch der Blick durch den herbstgrauen Bergpark zum Schloss Wilhelmshöhe und die Besuche vom Kasseler Weihnachtsmarkt und der Lolitabar zu den Höhepunkten der Woche. |
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Teilnehmende Organisationen:
- Simmetecho/I participate Larissa (Griechenland)
- Comune di Padova – Progetto Giovani (Italien)
- Stowarzyszenie Forum Kultur Poznan (Polen)
- Rovaniemen Kaupungin nuorisopalvelut (Finnland)
- Stadt Kassel, Kommunales Jugendbildungswerk (Deutschland)
Das Projekt wurde finanziell gefördert vom Europäischen Förderprogramm Erasmus+ Jugend








